Für Chinas KP existiert Autismus nicht. Seit 15 Jahren setzt sich Tian Huiping mit ihrem Projekt "Sterne und Regen" zur Wehr. Mittlerweile suchen Eltern aus ganz China bei ihr Hilfe
Moon River." Wer könnte die Melodie je vergessen? Oder den Film? Audrey Hepburn auf einer Feuerleiter vor dem Fenster eines New Yorker Hinterhofs mit Gitarre: "Moon River, wider than a mile, / I'm crossing you in style some day." Und so weiter. Eine der zartesten Frauen des Westens im Film ihres Lebens. Auf der Suche nach dem Ende des Regenbogens. Es war epochaler Kitsch. Pur, wunderschön.
Der Moon River in Peking dagegen ist nur ein dreckiges Rinnsal am Rande der Riesenstadt des Ostens. Selbst der einheimische Taxifahrer braucht lange und verfährt sich oft, bis er uns hinter diesem Flüsschen endlich zu dem kleinen Reich von Frau Tian Huiping geführt hat. Es liegt verborgen hinter einem Areal von dampfenden Garküchen, Billardtischen im Freien für den Feierabend und ambulanten Fahrradmechanikern am Straßenrand. Eine Welt grau in grau und dennoch vielleicht - hoffentlich - ein Stück vom neuen China.
Frau Tian ist ähnlich zart, doch nicht ganz so kapriziös wie Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany", mit einem geblümten Kleid, wachen dunklen Augen, kurzen schwarzen Haaren, dezent gezupften Augenbrauen, einigen Sommersprossen um die Nase, völlig ohne Make-up, alterslos. Sie lächelt weniger als Audrey Hepburn, lacht aber häufiger. Hier, hinter dem Moon River Pekings hat sie mit unerklärlicher Energie etwas zum Leben erweckt, das noch romantischer klingt als die Poesie des jungen Mädchens aus dem Kinofilm: Xingxing Yu ("Sterne und Regen") hat Tian Huiping ihr Projekt getauft. Der Begriff ist eine typisch chinesische Wortkombination aus dem Filmtitel "Rainman" (1988, mit Dustin Hoffmann in der Rolle eines Autisten) und der Bezeichnung "Kinder der Sterne", mit der in Taiwan autistische Kinder bezeichnet werden, nicht jedoch auf dem kommunistischen Festland.
Da wird das Phänomen des Autismus nicht nur in der Sprache, sondern auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit einfach übergangen. Das war für Frau Tian nicht möglich. Ein erwachsenes "Sternenkind" mit bizarren Bewegungen, verzerrtem Gesicht und kehligen Lauten (gewiss kein Chinesisch) drängt sich mit großen Augen an sie, als sie uns an einem mit Resopal beschichteten Tisch ihres Besprechungszimmers einen Tee serviert. Das Kind ist ihr Sohn.
Er war der erste Antrieb, der sie das Sternenregen-Projekt gründen ließ. Und der Vater des Kindes? Sie muss lachen. "Er war schneller weg, als er da war, als er sah, dass der Sohn, nun, wie soll ich es sagen, dass er anders war als andere Kinder", sagt sie und nimmt ihren großen Sohn dabei beruhigend in den Arm. Denn die Gäste haben ihn sehr aufgeregt. So hat sie 1993 Chinas erste Nichregierungsorganisation (NGO) gegründet, die sich einzig und allein der Existenz autistischer Kinder annimmt - und des Leids ihrer ratlosen Eltern. Mit den Eltern anderer Behinderter sind sie in dem Milliardenvolk tatsächlich zahlreich wie Sterne, doch völlig außerhalb und unterhalb des Radars der Partei.
Eine Erkundungsreise des Hilfswerks "Kirche in Not" hatte uns zu ihr geführt. "Gott in China" war das Ziel unserer Expedition durch das Reich der Mitte, wo die Kirche heute insgesamt als größte NGO Chinas begriffen werden muss - ähnlich wie in Europa im Mittelalter. Am Tag zuvor hatten wir noch das "Vogelnest" besucht, ein gigantisches neues Stadion, ein futuristischer Traum, mit dem China in diesem Sommer die Welt in Staunen versetzen will. Staunenswerter aber ist für uns die kleine Frau Tian.
In den vergangenen 13 Jahren hat sie mit ihrer Organisation über 3000 Familien mit autistischen Kindern geholfen und in 20 Provinzen entsprechende Trainingskurse angeboten. Sogar aus Hongkong und Taiwan kommen verzweifelte Eltern zu ihr, weil es da keine vergleichbaren Einrichtungen gibt. Draußen, im Vorhof des flachen Baus begleiten einige Eltern ihre Kinder bei zaghaften Gymnastikübungen. Aus den Türen verschiedener Klassenräume haben uns freundliche Mitarbeiter angelächelt. Wie kam sie bloß darauf, ein solches Haus zu gründen? Sie lacht wieder: "Die Regierung kümmert sich nur um kinderlose Eltern. Oder um elternlose Kinder. Uns beide aber, meinen Sohn und mich, uns unterstützt sie nicht. Wir kommen in diesem Raster gar nicht vor. Und weil ein Mensch wie mein Sohn hier gar nicht vorgesehen ist, eben darum gibt es in China so viele Findelkinder." Kinder, die vor Kirchen abgelegt werden, vor Tempeln, vor Polizeistationen oder mitten auf dem Bürgersteig. Solche ausgesetzten Kinder seien ein weitverbreitetes, landestypisches Phänomen und Problem.
Warum? Frau Tian spricht zwar perfekt Deutsch. Sie ist Germanistin und verbrachte zwei Jahre zum Studium in Deutschland. Doch bei manchen Fragen schaut sie uns so groß an, als verstehe sie partout nicht, wie man so etwas nur fragen könne. "Warum? Weil ein behindertes Kind normalerweise eine Familie ruiniert. Die meisten Findelkinder sind behindert. Mit einer Behinderung lebt es sich aber in China extrem schwer. Denn es gibt hier ja kein Sozialsystem. Das System Chinas ist seit 5000 Jahren generationenübergreifend. Das heißt, ich sorge für meine Kinder, und die Kinder sorgen dann im Alter für mich. Doch schauen sie sich meinen Liebling an! Wie sollte er je für mich sorgen können?"
Frau Tian wickelt Wolle auf, um ihre Hände zu beruhigen, die sonst fast jeden ihrer Sätze mit Kreisbewegungen unterstreichen. "Darum muss man auch das Problem der Findelkinder verstehen: Es ist fast unmöglich, ein behindertes Kind zu behalten. Denn wer kümmert sich dann um mich, wenn ich mich darum kümmere?" Es übersteige die Kapazität fast jeder Familie. Es gebe keine soziale Hilfe, es gebe nur die Generationen: "Dieses System ist mit der Ein-Kind-Familie zusammengebrochen. Seit zwei Jahren versucht die Regierung, ein Versicherungssystem aufzubauen. Firmen haben es schon versucht, aber sie gehen dauernd pleite. Das ist auch keine Sicherheit." Aber auch sie hat ihr Haus als Privatunternehmen aufgebaut. Es hängt vor allem von Spenden ab. Anders ginge es nicht. Der Staat gibt ihr selbstverständlich nichts dazu. Ein psychologischer Berater, den sie anfangs eingestellt hatte, gab rasch auf, weil die Probleme, mit denen er hier konfrontiert wurde, einfach nicht in sein Fach fielen. "Das sind gesellschaftliche Probleme."
Das größte Problem, das weiß auch Frau Tian längst, ist jedoch, dass Autismus nicht geheilt werden kann. Es ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns, für die bisher keine Abhilfe gefunden wurde. In China sind Familien mit einem autistischen Kind deshalb lebenslang stigmatisiert. Denn hier heißt es traditionell, solch eine Behinderung liege am schlechten Karma. Irgendeiner der Ahnen müsse wohl daran schuld sein. Da lasse sich nichts ändern.
Es stimmt, was die Heilungschancen betrifft. Noch größer als die Behinderung ist deshalb meist die Ratlosigkeit der Eltern. Dieser Kollateral-Tragödie hat die zarte Frau Tian all ihre Fantasie und Kraft gewidmet. In ihrem Institut versucht sie vor allem, den Familien beizubringen, die Behinderung anzunehmen. Doch wie kam sie zu der Initiative? Hatte sie nicht Mühe genug, sich nur um ihren Sohn zu kümmern? Sie schaut wieder groß und lacht, wie sie selbst bei den tragischsten Erzählungen immer lacht. Lachen begleitet in Asien oft gerade die schlimmsten, unangenehmsten Gefühle.
Hat ihr Einsatz vielleicht religiöse Motive? Lachen. "Nein, nein! Religion hat bei uns nie eine große Rolle gespielt." Wir müssen dreimal nachfragen, bis sie eingesteht, dass ihr Studium in Berlin ihr wohl erst den Mut dazu gegeben hat. Es war ihre Begegnung mit der Welt des Westens, die sie plötzlich fragen ließ: "Ist der Behinderte denn nutzlos?" In Deutschland kam sie erst auf den Gedanken, "dass es etwas anderes geben muss als Sozialismus: Menschlichkeit". Sie spricht das Wort aus wie eine Intimität. "Darüber wird jetzt auch hier viel diskutiert in den Medien. Was ist der Mensch? Jeder hat dazu eine andere Vorstellung. Doch es gibt Dinge, die hier auch nach 5000 Jahren noch nicht entdeckt worden sind."
Europas Kultur mag in der Krise stecken. Die Begegnung mit dem verblassenden jüdisch-christlichen Menschenbild, das sie hier kennenlernte, war dennoch stark genug für den Sternenregen, mit dem sie damals aus Europa in ihre Heimat zurückkehrte. Hier muss keiner mehr den Begriff der Gemeinschaft entdecken. In Chinas Gesellschaft werden die Menschen, wie es aussieht, fast schon geboren mit einem kommunalen Extra-Gen. Wenn Arbeiter auf den 1000 Großbaustellen neben der Straße eine Pause machen, sitzen sie gleich im Kreis auf dem Boden und reichen die Reisschüssel reihum. Die Olympischen Spiele werden ein Triumph der Leistungen werden, zu denen diese große und alte Nation fähig ist.
Die Entdeckung der einzelnen Person aber steht hier immer noch bevor - in Menschen wie dem erwachsenen Sohn Frau Tians in Peking, dem die Mutter hinter dem Moon River auch im Alter folgendes Lied vorsingt: "Es wird gesagt, ihr seid Kinder der Sterne. / Ach, wüsste ich doch, wo eure Welt ist. / Wie Regen kommt ihr aus dem Himmel / und tretet mit eurem Geheimnis in mein Leben."